Zu viel Schrott!

Ich will die Genomische Selektion in diesem Blog nicht schlechtreden, sie  ist eines von vielen Hilfsmitteln welche uns bei der Zuchtarbeit unterstützen. Sie liefert unsichere Informationen zu den Vererbungsfähigkeiten eines Individuums. Das alles findet auf der Basis einer Schätzung statt, also einer unsicheren Schätzung! Schon dieser Satz müsste jeden zur Vorsicht mahnen! Wer legt die Zukunft seiner Milchviehherde gerne in die Hände von Experten die auf der Basis einer unsicheren Schätzung Zuchttiere selektieren? Ich nicht!

Neuseeland  war eines der ersten Länder welches mit Vollgas ins Zeitalter der  Genomischen Selektion gestartet ist. Das Land hat mittlerweile eine Vollbremsung vollzogen und einen anderen Weg eingeschlagen. Die Gründe dafür und wie dieser neue Weg aussieht möchte ich Euch an dieser Stelle vorstellen. Ein entsprechender Bericht wurde im irischen Magazin AgriLand am 22. Dezember 2017 veröffentlicht.  Ihr werdet viele Parallelen mit unserer Zucht erkennen und vielleicht könnt Ihr für Euren Betrieb daraus wertvolle Schlüsse ziehen. Mein Wort geht natürlich auch an das Haupt- und Ehrenamt in den Zuchtorganisationen, damit sie Erleuchtung finden und den Mut zur Umkehr!

Im Text geht es im Wesentlichen um ein Interview, das AgriLand mit Mark Ryder von LIC Europe führt. LIC ist ein in Neuseeland angesiedeltes Zuchtunternehmen, welches weltweit Sperma von Holsteins, Kiwicross und Jerseys anbietet. Ryder ist Geschäftsführer in Europa.

 

Ich werde den Text nicht 1:1 übersetzen, sondern versuchen die wichtigsten Passagen sinngetreu zusammenzufassen.

 

Ryder beginnt damit, dass er erzählt, dass man auch in Neuseeland mit großer Euphorie ins genomische Zeitalter startete. Besonders die Aussichten auf eine wesentliche Verkürzung des Generationsintervalls motivierten Züchter und Besamungsstationen die neue Technik zu forcieren.

40% der insgesamt 4,5 Millionen Besamungen fanden mit genomischen Bullen statt.

Mittlerweile haben die Färsen aus diesen Paarungen großflächig abgekalbt und was die Züchter beobachten können ist eine große Varianz.

Ryder: >>We were creating some very elite females, but we were also creating some quite poor ones.<<

 

>>Wir züchteten viele sehr gute Kühe, aber wir züchteten auch ganz viele armselige <<

Ryder räumt zwar ein, dass ein großer Teil der verwendeten Bullen im Durchschnitt das erwartete Zuchtwertniveau erreichte, allerdings war die Streuung dabei sehr groß. Viele junge Kühe gingen vorzeitig ab und machten die Milchviehhalter unglücklich. Das Ganze wurde zunehmend als Verschwendung gesehen.

 

In Irland kostet es eine Kuh in Milch zubekommen 1400-1500 €. Wenn ein Viertel der abgekalbten Färsen versagt, ist die Jungviehaufzucht nicht wirtschaftlich. Weil die Verluste im genomischen Zeitalter dieses Niveau erreichten, wurde die Strategie geändert.

 

Aktuell werden in Neuseeland nur noch 5 bis 6 Prozent der Besamungen mit genomischen Jungvererbern durchgeführt. 94 bis 95 Prozent der Besamungen entfallen mittlerweile wieder auf Bullen mit hoher Sicherheit.

Ryder: >>It will deliver the average, but you are going to create heifers that aren’t going to last in the herd.<<

 

>>Das ganze ist nur durchschnittlich, aber wir erhalten wieder Färsen die nicht abgehen und lange in der Herde bleiben<<.

Aus diesem Grund ermutigt Ryder seine Landwirte, sich auf die Verwendung von hoch zuverlässigen Vererbern zu konzentrieren, wenn es darum geht, die nächste Generation ihrer Kühe für ihre Herden zu züchten.

Auch LIC selbst setzt wieder vermehrt auf sichere Genetik bei der Auswahl der eigenen Bullen. Bullenmütter benötigen heute mindestens eine vollständige Laktation bevor sie als solche selektiert werden.  Diese zusätzliche Information liefert wieder mehr Vertrauen in die Genetik der Zukunft.  

 

Ryder macht klar, dass LIC nicht  völlig gegen die genomische Selektion ist, aber die Versorgung der Landwirte mit zuverlässiger Genetik genießt heute wieder oberste Priorität.

Risiken der Genomik

 

Neben der großen Streuung der produzierten Nachkommen spricht Ryder auch die Gefahren der >>Genomik-aus -Genomik Zucht<< an. In unseren Bullen- und Kuhställen lauert seiner Meinung nach  ein großes Risiko und es kommt langsam zu Tage, weil die Abstürze der genomischen Väter auch ihre genomischen Söhne mit in die Tiefe ziehen.

Ryder : >> Some of the indexes of those genomic bulls are dropping significantly. And, the way that the industry has been using it here, there’s a lot of genomics-on-genomics.

 

>>Die Zuchtwerte dieser Bulls fallen deutlich. Und  so wie die Besamungsindustrie in den vergangenen Jahren gearbeitet hat gibt es in unseren Ställen  viel Genomik aus Genomik.<<

"Es gibt eine Menge Stationen die Stierkälber von genomischen Vätern für gutes Geld gekauft haben und die nun nichts mehr Wert sind weil ihre Väter gefallen sind.  


 

Ich frage mich ob ich jemals in Deutschland eine so selbstkritische Analyse der Ist-Situation zu hören bekomme. Die Probleme sind jedenfalls ähnlich!

 

In Zusammenhang mit Kuh-Vision oder Braunvieh-Vision sehe ich aber eher den Trend,  dass die Bauern noch mehr in die Scheiße getunkt werden, anstatt sie herauszuziehen.

 

Aber man muss ja nicht mitmachen wenn man nicht will.

 

Immerhin!

Kommentare: 1
  • #1

    Heger stefan (Freitag, 29 Dezember 2017 11:11)

    Soweit mir bekannt ist gibt es in Neuseeland kaum Milchleistungsprüfung. Bei Viehschauen werden nur Schaukühe ohne Milchleistung gezeigt. Wenn seine Zahlen nicht kennt, macht es keinen Sinn auf Genomik zu setzen. Hier in Europa ist es anders. Aber es muss jeder Züchter fürs sich selbst entscheiden. Ich finde die Zahlen sicherer als vor der genomischen Schätzung. Wünsche euch allen ein gutes neues Jahr. Und einen hohen Milchpreis.