Blinder Fortschrittsglaube?

Gelmut Gossner, Leiter der Besamungsstation Greifenberg und Braunviehexperte!
Gelmut Gossner, Leiter der Besamungsstation Greifenberg und Braunviehexperte!

In einem Interview mit Rinderzucht Braunvieh verglich der Leiter der Besamungsstation Greifenberg Helmut Gossner die Entwicklung der Genomischen Selektion mit der Entwicklung der Fendt-Traktoren. Sinngemäß: Das Dieselross sei zu seiner Zeit technisch ebenso ein Spitzenprodukt gewesen wie sein großer Bruder der Vario heute. Trotzdem lägen im direkten Vergleich Welten dazwischen.  Im Interview spannte Gossner den Bogen zur Genomik. Auch diese werde sich von Jahr zu Jahr verändern und besser werden. 

Ich habe zufällig einen  alten Fendt Farmer 2 mit Baujahr 1960 (61 Jahre) und einen Vario am Betrieb, beides sind ohne Zweifel gute Traktoren und natürlich kann man sie schlecht miteinander vergleichen. Dennoch sehe ich schon Unterschiede! Mit unserem alten Fendt kann jeder fahren, man braucht dafür keine Einweisung und keine Handbuch. Elektrizität braucht er nur für den Startvorgang: Zündschlüssel reindrücken, vorglühen, los geht´s! Egal ob im Sommer oder bei 20 Grad Minus, kein zähes Getriebeöl welches meinen Vario im Winter zur lahmen Schnecke macht. Wenn er mal nicht fährt (was in 60 Jahren zum Glück noch nie vorgekommen ist), brauche ich für den  "Alten" einen Schraubenschlüssel und keinen Programmierer mit Stundenlohn über 100 Euro. Auch im Unterhalt ist mein Farmer D2 unschlagbar: 1x jährlich Ölwechsel und einen Ölfilter, das war´s!  Für den Farmer 2  hat meine Oma 1960 6.000 Mark bezahlt, der Vario kostetet über 100.000 Euro. Ich frage mich, ob mit dem Vario meine Enkel in 60 Jahren auch das Traktorfahren noch lernen werden? Wohl eher nicht!

Worauf will ich hinaus? Der technische Fortschritt macht natürlich auch vor der Rinderzucht nicht halt, aber dadurch wird wie beim "Dieselross-Vario-Vergleich" nicht automatisch alles besser. Sicher ist  es wird teurer, deutlich komplizierter und die Nutzungsdauer leidet! Um die Dinge zu ergründen, braucht der Bauer in Zukunft immer  mehr "Gschdudierte" die im die Zucht und den Fortschritt erklären. 

Natürlich ist Vario fahren  mit Joystick in der vollklimatisierten Kabine und mit Druckluft gefedertem Sitz eine feine Sache. Heu wenden ohne Kabine, mit dem Sommerwind im Gesicht ist aber auch fein und dazu deutlich billiger!

Im Gegenzug kann züchten mit soliden Kuhfamilien die man kennt und denen man blind vertraut oder der Einsatz eines Deckbullen  im Ergebnis mindestens ebenso  erfolgversprechend sein wie der Einsatz der modernsten Genomik! Vielleicht sogar noch  besser!