Welche Kühe braucht das Land?

Diese Frage sollte sich jeder Milchviehhalter angesichts der aktuellen Unsicherheiten rund um die Zukunft der Milchwirtschaft stellen. Der Klimawandel, manche sprechen bereits von der Klimakatastrophe, rüttelt an den Grundfesten des Systems. Zwar wollen das viele noch nicht wahrhaben und hoffen auf ein "Weiter so", aber sind wir mal ehrlich, irgendwie spüren doch alle, dass alles  aus der Spur läuft.   Die trockenen Jahre der vergangenen drei Jahre haben auf den Betrieben ihre Spuren hinterlassen. In Verbindung mit einer mäßigen Getreideernte infolge von Nässe und Kälte in diesem Jahr, sind die Preise für Weizen an den Terminbörsen explodiert. Die Vorräte schrumpfen und das  bei steigender Nachfrage. 

Quelle: agrarheute

Angesichts dieser Entwicklungen ist es beachtlich dass in Deutschland über 60 Prozent der Getreideernte als Futtermittel für Schweine, Geflügel und Rinder verwendet werden. Hinzu kommt der Import von Soja. Für die rund 3,9 Millionen Tonnen Soja, die im Wirtschaftsjahr 2018/19 für Futtermittel nach Deutschland importiert wurden, seien rein rechnerisch eine Fläche von 1,4 Millionen Hektar erforderlich, schrieb das Bundeslandwirtschaftsministerium unlängst in einer Pressemitteilung.  Zum Vergleich, der Flächenstaat Bayern verfügt über etwas als 3 Mio. ha. LF. 

Fakt ist, große Teile der konventionellen aber auch der biologischen Landwirtschaft hängen was die Nutztierernährung anbelangt, am Tropf der Futtermittelindustrie. Bei Geflügel und Schweinen ist dies anhand ihrer Ernährungsphysiologie noch nachvollziehbar, in der Rinderfütterung allerdings wird die Luft hinsichtlich einer  vertretbaren Argumentationslogik extrem dünn. Hier stellt sich eine Frage immer lauter: "Wer hat die Kuh zur Sau gemacht!"

Während Geflügel und Schweine naturgemäß in direkter Konkurrenz zur Ernährung des Menschen stehen und daher ein hoher Prokopfverbrauch an Geflügel- und Schweinefleisch durchaus kritisch zu hinterfragen ist,  könnte das Rind als Wiederkäuer in der Diskussion eigentlich punkten - eigentlich! 

Dass der effiziente Einsatz von Kraftfutter und damit auch hohe Grundfutterleistungen die Grundlage geringer Futterkosten sind, liegt auf der Hand. Laut BZA Bericht der LfL aber liegt die Grundfutterleistung in Bayern oft unter 2.000 kg/Kuh und der Kraftfuttereinsatz überschreitet deutlich den Wert von 350 Gramm je Kilogramm Milch. Im Umkehrschluss bedeutet dies, wir haben unsere Hochleistungskühe über die Jahre systematisch zu Kraftfutterjunkies gezüchtet. Steigende Kraftfutterpreise, Umweltfragen (Regenwaldabholzung, Artenschwund, usw.)  und die moralische Frage "Teller oder Trog" fallen der Milchbranche jetzt auf die Füße.  

Und was hat das mit der Braunviehzucht zu tun? Braunvieh ist eine Rasse die sich über Jahrhunderte auf kargen Standorten in den Alpen entwickelt hat. Ihr Entwicklungs- (spätreif) und Leistungspotential (spätreif) ist dem genetisch  angepasst. In den vergangenen 50 Jahren wurde die Stärke auf kargen Standorten hochwertige Milch erzeugen zu können, als Schwäche identifiziert und seitdem versuchen Züchter und staatliche Zuchtleiter auch die Braunviehkuh mit Gewalt zur Sau zu machen.  Die Ergebnisse dieses Unterfangens sind auf den Auktionen zu besichtigen und teilweise sehr ernüchternd. Im Prinzip ist dieser Umpolungsversuch gescheitert.  Die Holsteinzucht ist hier bereits viel weiter (das ist kein Vorteil und die Ergebnisse sind eine Katastrophe) und beim Fleckvieh kann man die dürftigen Ergebnisse wenigstens noch gewinnbringend schlachten. Das Braunvieh befindet sich immer mehr im Niemandsland zwischen Hochleistungszucht und naturnaher Milchviehhaltung.  

 

Dabei-  und da wiederhole ich mich immer wieder - ist Braunvieh im Rassevergleich mit Vorteilen gesegnet. Dank  der Spätreife lässt sich Braunvieh mit geringem Kraftfutteraufwand und extensivem Grundfutter (auch Weide und Älpung) aufziehen. Die tendenziell niedrige Einsatzleistung lässt sich mit hochwertigem Grünlandfutter gut ausfüttern. Was man dafür den Tieren geben muss ist Zeit! Weil Kraftfutter in der Vergangenheit spotbillig war, hat sich das Warten betriebswirtschaftlich nicht gelohnt - doch das ändert sich aktuell. Die steigenden Kraftfutterpreise bringen Bewegung in die Rechenmodelle. Macht es wirtschaftlich dann noch Sinn schon Kälber und Jungrinder mit Getreide und Soja aufzupeppeln, um das Erstkalbealter um einige Wochen zu drücken? Macht es Sinn Färsen in der Entwicklung zu puschen damit sie mit hohen Einsatzleistungen unter besten Managementbedingungen einigermaßen zurecht kommen, um dann am Ende nur 2 oder 3 Kälber zu überstehen? Die Verknappung von Getreide und der zunehmende Konkurrenzkampf zwischen Trog und Teller lassen diese Praktiken plötzlich (vor allem für Außenstehende)  absurd erscheinen. Absurd waren sie schon immer , doch nun gerät das System auch wirtschaftlich an Grenzen. Braunvieh könnte an dieser Stelle die "Rolle rückwärts" am schnellsten gelingen. Dafür sind aber einige Dinge wichtig.

 

1. Die Braunviehzucht muss die Situation erkennen und das Zuchtziel anpassen

2. Die Besamungsstationen müssen Braunvieh als "Game Changer" erkennen, bewerben und in die Zucht einer mittelrahmigen, nachhaltigen braunen  Grünlandkuh investieren

3. Die Milchviehalter müssen umdenken und der Zucht einer gesunden, langlebigen und wirtschaftlichen Kuh am Zuchtviehmarkt eine Chance geben.

4. Spätreife Jungkühe mit moderaten Einsatzleistungen werden aktuell am Zuchtviehmarkt durch die einseitige Klassifizierung nach Einsatzleistung abgestraft. Hier muss ein Umdenken stattfinden!

5. Die Zuchtwertschätzung muss auf die Zucht einer langlebigen, spätreifen, schönen und gesunden Kuh ausgerichtet werden

6. Die Sicherheit der Zuchtwerte ist in der Fläche unsicheren Genomics wieder vorzuziehen. 

7. Die Wertschöpfung der Grünlandmilch muss erhöht werden. Neu Vermarktungs-, Qualitäts- und Verarbeitungsmodelle seitens der Milchverarbeiter sind wichtig. 

8. Neue Bullen braucht die Braunviehzucht!

 

Letzter Punkt ist für die Zucht und den Erhalt des Braunviehs bereits kurzfristig unerlässlich. Das aktuelle Angebot zeigt Defizite auf. Inzucht ist aus meiner Sicht ein Problem, welches (nicht nur beim Braunvieh) massiv unterschätzt wird. Die großen Besamungsstationen sind nicht nur auf dem falschen Kurs sie sind auf dem falschen Dampfer. Weil das leider so ist und kurz- bis mittelfristig  personell kaum Veränderungen zu erwarten sind, müssen sich die Züchter selbst Alternativen überlegen. Der eigene Deckstier kann für viele wieder eine Alternative darstellen, auch eine gemeinschaftliche und organisierte Lohnabsamung  interessanter Bullen ist denkbar. Wenn die etablierten  Besamungsstationen den Kurs nicht ändern, müssen die Züchter sie indirekt dazu bewegen. Dass dieser Prozess auch Verletzungen und Unstimmigkeiten mit sich führen kann, muss einkalkuliert werden.  

Die EUNA hat in diesem Umdenkprozess einen deutlichen Denkvorsprung. Hier sollte der Kontakt mit den Braunviehzüchtern in Österreich, Deutschland, Südtirol und der Schweiz intensiviert werden. "Alternative Bullen" die von den aktuellen Qualitätsmustern abweichen könnten hier abgesamt und länderübergreifend vermarktet werden. 

 

Natürlich gibt es jetzt schon Bullen die den Bauern helfen können ihre Herde zu verbessern. Hier einige Vorschläge:

 

Calvin, Julau, Jucator, Hacker, Simbaboy, VisorP, ViproP, Sinnvoll (EUNA). Wer gegen die Inzucht aktiv etwas tun möchte und keine Angst oder Scheu vor einer "Braunviehorientierten  Kreuzungszucht" hat, sollte sich die Rasse Angler (Braunvieh des Nordens) etwas genauer anschauen. Bullen wie z.B.  Haithabu (RSH) bringen durch Blutauffrischung  schnelle Verbesserungen in den  Bereichen Fruchtbarkeit und Gesundheit , ohne den  bewährten "Braunvieh-Typ" zu verlieren.  Eine Rückkreuzung führt über ein bis zwei Generationen auch sichtbar ohne weiße Flecken zum Braunvieh zurück.

 

Beachten sollte man dabei dass man seinen Herdbuch-A-Status für einige Generationen verliert. Jeder kann an dieser Stelle für sich entscheiden was ihm lieber ist, eine reinrassige Kuh die im Stall nicht klar kommt oder eine rötliche Braune die ihm keine Probleme macht? 

 

Wichtig wäre an dieser Stelle eine Plattform wo sich ähnlich denkende Züchter vernetzen und austauschen können. 

 

Wenn die Zuchtverbände dieser Aufgabe nicht gerecht werden können, dann müssen Alternativen von den Züchtern selbst ins Leben gerufen werden. 

 

Sicher ist, Braunvieh hat trotz der Verluste die es in den vergangenen Jahren hinnehmen musste keine schlechten Karten die Kurve zu kratzen. Wenn dies gelingen soll, muss ein radikales Umdenken innerhalb der Zucht stattfinden. Schön und unkompliziert wäre es wenn die bestehenden Braunviehorganisationen diesen Wandel einleiten und moderieren könnten. Mit dem Ende der AHG in wenigen Wochen, schwinden aber die Chancen dafür in Deutschland merklich.  Die Züchter selbst sind gefragt diese Lücke zu füllen!