Dieses alte Sprichwort kenne ich schon lange, was es wirklich bedeutet verstehe ich eigentlich erst seit ich selber Hühner habe. Unsere hochgezüchteten Legehybriden starten im Alter von ca. 22-24 Wochen mit der Eierproduktion. Zu diesem Zeitpunkt haben sie ein wunderbar glänzendes, dichtes Federkleid und sie beginnen mit Macht Eier zu legen. Jeden Tag ein Ei, das ist normal! Wenn alles gut läuft und Fütterung und Haltung passen, dann halten sie diese hohe Level ungefähr ein halbes Jahr, dann erscheinen die ersten Abnutzungserscheinungen. Das Federkleid wirkt matt und ist nicht mehr ganz so dicht. Am Kopf erscheinen die ersten kahlen Stellen und die ersten Schwanzfedern fallen aus. Die Legeleistung ist zwar immer noch hoch, aber gerade die im Rang niederen Hennen haben zu kämpfen. Nach 9 Monaten steigen die Abgangszahlen, die ersten Hühner haut es im wahrsten Sinne des Wortes von der Stange. Die Legeleistung sinkt. Nach 12 Monaten hat man vielleicht nur noch 80 Prozent der Hennen, die die man noch hat legen vielleicht noch zu 75 Prozent. Die Schalen der Eier werden dünner, Brucheier kommen immer häufiger vor. So mit 15 bis 16 Monaten ist der Ofen aus. Die Legeleistung ist so gering, dass die Hennen das eigene Futter nicht mehr verdienen und in den meisten Fällen gehen sie dann zum Schlachter. Schade eigentlich!
Die ersten Leser werden jetzt schon darüber nachsinnen in welche Richtung es jetzt weiter geht und wie ich den Bogen zur Kuh schlage. Klar, das ist nicht ganz so einfach. Das oben genannte Sprichwort ist ein altes Sprichwort und die Frage ist natürlich, gilt es heute auch noch so, oder müsste es nicht vielleicht schon heißen, junge Kühe junge Hühner sind die besten Geldverdiener?
In den sozialen Medien veröffentlichen die Besamungsstationen in regelmäßigen Abständen Fotos von "Spitzenjungkühen" ihrer jeweiligen "Spitzenvererber". Diese geben in der Regel schon als Jungkuh viel Milch und sehen auf den Fotos und Videos sehr einheitlich aus. Große, eher schmale Jungkühe die schon zu Beginn ihrer Karriere einen ausgezehrten Eindruck machen. Extrem ist das natürlich bei den Holsteins die hier sehr "fortschrittlich" sind, aber das Braunvieh holt auf. Ich habe mal in der Schule gelernt, dass eine Kuh erst im dritten Kalb ganz ausgewachsen ist. Schaut man sich heute die "moderne Spitzenjungkuh" an fragt man sich nicht selten, wohin sollen diese Kühe denn noch wachsen? Als ich vor 20 Jahren an einem Imagefilm für die AHG mitwirkte, lobte ich das Braunvieh in einem Sprechertextabschnitt für seine Spätreife. Kritik hagelte es damals von den Zuchtleitern Mößner und ... (ich habe den Namen schon vergessen) weil sie spätreife als negativ einstuften und schlecht für das Image. Aber ist das so? Meiner Meinung nach ist das Braunvieh im Vergleich zum Fleckvieh oder den Holsteins von Haus aus spätreifer. Das erlaubt kein zu frühes Erstkalbealter und in die erste Laktation starten Braunviehkühe eher verhalten was sich bis heute auf die Einsatzleistung niederschlägt. Teilweise können das viele Braunviehkühe durch eine gute Persistenz ausgleichen, aber das sieht man auf der Milchliste noch nicht. Gerade im Vergleich mit den Holstein und immer öfter auch im Vergleich zum Fleckvieh ist das auf den Auktionen ein Nachteil. Die Bauern wollen Milch von ihren Kühen und zwar so früh wie möglich. Allerdings zu welchem Preis? Eine hohe Einsatzleistung ist in den meisten Fällen eng an die körperliche Entwicklung gekoppelt. Leider heißt früh fertig in vielen Fällen leider auch "früh fertig". Die Natur lässt sich nämlich nicht bescheißen. Die heutigen Hochleistungsjungkühe sind oft groß, aber wenig breit mit die Eutern die schon viel Volumen aufweisen.
Die steht in engem Zusammenhang mit dem System der Zuchtwertschätzung welches genau diese frühreifen Typen bevorzugt. Natürlich haben die "Experten" auch schon gemerkt dass die Ergebnisse ihrer Zucht gerade im Hinblick auf die Fitnessmerkmale (vor allem Fruchtbarkeit) nicht so gut funktionieren. Weil aber die Fitnessmerkmale eine niedrige Sicherheit haben, bleibt der positive Effekt im Ergebnis aus. Was im Folgeschluss heißt, die Einsatzsleistungen steigen, die Braunviehjungkühe werden in der Exterieurqualität immer schlechter und die Fitness nimmt weiter ab. Die Folge sind unzufriedene Milcherzeuger die der Rasse den Rücken zeigen.
Es ist eine Tragödie, und wir schaffen es seit Jahren nicht diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Ganz im Gegenteil, die genomische Selektion ist sogar noch ein Brandbeschleuniger.
Ich frage mich an dieser Stelle seit einiger Zeit, was ist denn eigentlich der Plan? Beim Braunvieh sehe ich außer dem Hinterherrennen nach Zahlen aus dem Computer, leider keinen. Die Ergebnisse sind Katastrophal und zu sehen ist das nicht nur in den Kuhställen und auf den Auktionen, sondern auch auf den Viehschauen, wo besonders die Qualität der Kühe in den mittleren und älteren Kuhklassen rapide abnimmt.
Wie heißt es so schön, wenn du merkst dass du ein totes Pferd reitest dann steige ab. Gefühlt reiten wir den Kadaver bis er uns unter dem Arsch weg fault. Ich weiß nicht wie ihr das seht, aber wie oft werden Bullenmütter von hohen genomischen Stieren stolz auf Fotos präsentiert die in der 2. Laktation stehen und Euter haben wie eine Siebtkalbskuh. Das siebte Kalb werden diese Kühe in den meisten Fällen nicht erreichen und trotzdem merkt es keiner. Der Grund, die die bei uns die Bullen selektieren haben von Milchviehhaltung mit Braunviehkühen wenig bis gar keine Ahnung! Das mag hart klingen, aber es ist die traurige Wahrheit. Noch trauriger ist, dass diese Wahrheit die meisten Braunviehzüchter kennen aber dennoch nichts dagegen tun, sondern hoffen, sich mit einer eigenen Strategie irgendwie "durchzuwurschteln". Diese Betriebe sind natürlich mit Braunvieh nach wie vor erfolgreich, aber sie bedenken dabei nicht, dass auch ihre Luft immer dünner wird.
Dabei wäre es ganz einfach - wir ziehen die Handbremse, kehren zum alten Prüfstiersystem zurück und selektieren unsere Bullen von alten bewährten Kühen aus tiefen Kuhfamilien, von Vätern von denen wir wissen was sie können. Dafür brauchen wir eine Hand voll echter Experten die eine gute Kuh von einer schlechten unterscheiden können, die Ahnung von den Linien haben und die Grundlagen der Vererbungslehre verstehen. Mir fallen aus dem Stand einige solcher Männer und Frauen ein, einige sitzen sogar schon in den Gremien und entscheiden dort über Nichtigkeiten wie das Futtergelt auf den Weidehöfen. Bullen selektieren lässt man sie nicht. Die Praktiker müssen beim Braunvieh endlich an den Drücker und zwar schnell. Jeder der nicht mindestens eine Braunviehkuh früh und Abends melkt, hat bei der Bullenselektion nichts verloren. Ihr würdet euch wundern wie schnell es beim Braunvieh wieder bergauf gehen würde! Wir hätten wieder Spaß an alten Kühen und nicht an jungen Hennen die nach zwei oder drei Kälbern ausgezuzelt und abgemagert zum Schlachter gehen.