Liebe Züchterkollegen und Braunviehfreunde,
das alte Jahr ist zu Ende gegangen und wir starten in ein Neues. Die Jahresrückblicke unserer Zuchtverbände haben uns im Dezember ein "überaus" erfolgreiches Jahr 2025 suggeriert. Überall geht es bergauf, kein Grund zur Sorge, kein Grund für Kritik oder Missmut - Alles super!
Spaß macht es mir nicht diese Blase der Glückseligkeit zu beschädigen, aber angesichts der Realitäten muss ich diesen traurigen Job auch 2026 wieder übernehmen. Ganz einfach deshalb, weil es sonst keiner tut!
Eigentlich weiß ich gar nicht wo ich anfangen soll? Bei der Zuchtleitung? Bei den Zuchtverbänden? Bei den Besamungsstationen? Bei den Elitezüchtern? Dies habe ich in der Vergangenheit zu oft gemacht und es ist nutzlos, eine Kurskorrektur nicht einmal eine Reaktion war zu beobachten. Und das obwohl die Realitäten für Jedermann sichtbar sind. Rückgang der Besamungszahlen, Rückgang der Kuhzahlen, Versagen der genomischen Zuchtwertschätzung. Es geht bergab an allen Fronten und der "Point of no Return" rückt immer näher. Aber was machen die Verantwortlichen? Scheuklappen auf, Augen zu und mit Vollgas Richtung Untergang der Braunen Rasse! In Deutschland, der Schweiz, den USA, Italien, Österreich überall das gleiche Lied! Die Einsatzleistungen steigen zwar, aber die Qualität der Tiere nimmt ab. Die Inzucht nimmt in beängstigendem Tempo zu und immer weniger Milchviehalter kommen mit den Produkten dieser selbstzerstörerischen Zucht zurecht und wenden sich resigniert anderen Rassen oder der Auskreuzungszucht zu. Das Bild dieser Entwicklung sieht man auf den Kälbermärkten, auf den Zuchtviehmärkten auf den Weiden und auf den Alpen. Ein Trauerspiel und die Verantwortlichen klopfen sich gegenseitig am Jahresende auf die Schultern und feiern sich gegenseitig. Die Fachpresse, allen voran das Landwirtschaftliche Wochenblatt, Rinderzucht Braunvieh (Mitteilungsblatt der ARGE Braunvieh) und das Allgäuer Bauernblatt (Mitteilungsblatt ProRind) sind sich dabei nicht zu schade das Feuerwerk der Selbstbeweihräucherung Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr zu zünden und die Realitäten mit ihrem Qualm zu vernebeln. An dieser Stelle bin ich für ein Böllerverbot oder zumindest Böllerboykott! Eine besonders traurige und ich finde auch verwerfliche Rolle nimmt an dieser Stelle Josef Berchtold ein, der seit Jahren eine Monopolstellung einnimmt (er schreibt für alle drei Zeitungen) und seit jeher jegliche Form der kritischen Berichterstattung vermissen lässt.
Paradox an der Sache ist, dass die Züchter ja sehr wohl verstehen was schief läuft. Auf den internationalen Schaubühnen dominieren die Töchter von Nachzuchtgeprüften Bullen, ohne Zuchtwerte, fast immer ohne genomisches Potential. Noch paradoxer, im VIP-Bereich stoßen zeitgleich die Funktionäre mit Campagna auf ihre gute Arbeit an.
Auf die Frage in der Überschrift, ob das Braunvieh noch zu retten ist, kann ich nur mit einem Achselzucken reagieren. Die kommenden Jahre werden extrem schwer für die Rasse werden. Das aktuelle Bullenangebot ist eine Katastrophe und jeder der euch das Gegenteil sagt, der lügt! Mittlerweile ist das Angebot an soliden Nachzuchtgeprüften Vererbern so schwach, dass an der genomischen Konkurrenz selbst für hartgesottene Skeptiker kaum mehr ein Weg vorbei führt. Die Inzuchtproblematik ist dabei mittlerweile dramatisch. Das Blutlinien-Karussell dreht sich nur noch um zwei bis drei Bullenlinien. Für ein Plus an Milch-kg wird alles geopfert was das Braunvieh bisher ausmachte: Nutzungsdauer, Stabilität, Inhaltsstoffe. Welche negativen Folgen die Inzuchtdegression verursacht, kann dabei noch gar nicht eingerechnet werden. Leute das ist keine Schwarzmalerei, das sind die Fakten.
Und was kann der Einzelne dagegen tun? Die Masse der Milchviehhalter wahrscheinlich relativ wenig. In der Regel reagieren diese auf enttäuschende Braunviehnachzucht mit einem konsequenten Rassewechsel. Holsteins bringen Milch, Fleckvieh eine stabile Doppelnutzung mit hohen Schlacht- und Kälberpreisen. Wer will es ihnen verdenken? Braunvieh kann in dieser Situation nur durch Fitness, Nutzungsdauer, Hitzetoleranz, gute Fundamente, hohe Inhaltstoffe, Persistenz und Leistungssteigerung von Laktation zu Laktation dagegen halten. Zusammengefasst, die problemlose Kuh! Wenn wir die wegzüchten, bleibt nichts mehr übrig.
Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass wer längerfristig am Braunvieh festhalten möchte, am eigenen Deckstier nicht mehr vorbei kommt. Konsequente Kuhfamilienzucht im eigenen Betrieb, mit der Ergänzung durch ausgewählte Vätergenetik (Nachzuchtgeprüfte Vererber, gute Deckbullen aus tiefen Kuhfamilien von Kollegen), kann die Lage einzelbetrieblich stabilisieren und verbessern. Erfolg wird mit großer Wahrscheinlichkeit nur der haben der die Zuchtwertzucht über Bord wirft und wieder Zucht nach altem Muster betreibt. Tiefe Kuhfamilienzucht mit Dauerleistungskühen ist die einzige Rettung!
Braunvieh als Rasse ist mittlerweile ein Fall für die Genetikreserve. Eigentlich müsste diese (wenn überhaupt vorhanden) längst gezielt angezapft werden. Söhne von Stieren wie z.B. Vigate, Starbuck, Simvitel, Hucos, Etpat, Balak, Nofak, Emory, Brilad, Jasmin usw. könnten die Situation entschärfen und für mehr Vielfalt innerhalb der Population sorgen. Die Nachkommen dieser alten Genetik, würden unter heutigen Managementbedingungen wahrscheinlich kaum weniger Milch geben, wären aber wieder fruchtbarer und gesünder. Auch die gezielte Kreuzungszucht mit Rassen wie Jersey und Anglern, könnte Impulse setzen. All das ist allerdings nur möglich, wenn man sich ein Stück weit von der Zuchtwertzucht distanziert und bereit dazu ist neue Wege zu gehen. Irgend wer müsste diesen Weg von offizieller Seite (Zuchtverbände, Besamungsstationen) lenken und koordinieren. Bereitschaft oder Fähigkeit sehe ich hier zur Zeit leider nicht einmal ansatzweise.
So bleibt allen Braunviehfreunden aktuell nur der einzelbetriebliche Weg. Augen auf bei der Bullenwahl, Deckstier anschaffen, Kuhfamilien ausbauen und bei allem - "scheißen" auf den Zuchtwert!
Ich wünsche allen ein gutes und gesundes Jahr 2026, mit Glück in Hof, Stall und Flur! Bleibt stark!
Euer Gerhard Metz